Nicht nur ein Bibelzitat, sondern eine Haltung

Erstellt von Kerstin Kempermann |

Wort zum Sonntag von Martina Fisser.

 

Die Mitarbeiterin in der Diakonie hatte schon ihren Mantel an und den Autoschlüssel in der Hand. Als sie die Tür der Beratungsstelle abschließen wollte stand da plötzlich ein junger Mann.

Er stellte eine ganz einfach Frage: „Können Sie mir helfen?“ Die Mitarbeiterin zögerte kurz. Sie hatte Feierabend und alle Kollegen*innen waren schon weg. Ihr Zögern war wirklich nur kurz und natürlich machte sie wieder überall das Licht im Büro an und bat den jungen Mann einzutreten.

Seine Geschichte war etwas konfus. Er sei durch gewisse schwierige Umstände arbeits- und wohnungslos. Kurz konnte er bei seiner Mutter unterkommen, aber dann gab es dort Streit und er musste gehen. Mit seinem letzten Geld hatte er eine Fahrkarte gekauft und wollte hier bei Freunden bleiben. Doch leider waren die Freunde im Moment nicht erreichbar. Er hatte auch keine genaue Adresse und alles sei im Moment sehr schwierig.

Die Mitarbeiterin hängte sich ans Telefon und versuchte die zuständigen Stellen zu erreichen. Es gibt natürlich für diese „Fälle“ ein zuständiges Hilfesystem. Doch jeder Anruf den sie tätigte brachte keine Lösung für diesen Abend. Entweder waren schon alle „Zuständigen“ im Feierabend oder es war eine Person am Telefon, die nur das Anliegen notierte und keine Entscheidung treffen durfte.

Der junge Mann stellte keine Forderungen. Er hielt seine warme Teetasse in der Hand und schaute die Mitarbeiterin einfach nur an.

Sie könnte jetzt auch sagen: Kommen Sie morgen wieder oder gehen Sie morgen zu dieser Adresse. Dort ist man für Sie zuständig und dort wird man Ihnen helfen.

Es war sehr kalt an diesem Abend und es regnete. Sie würde gerne das Gespräch jetzt beenden und nach einer kurzen Info an den jungen Mann nach Hause fahren. Aber sie wusste ganz genau, dass sie nicht zur Ruhe kommen würde und den ganzen Abend und auch die Nacht würde sie an diese Situation denken.

Sie wusste, dass ihre Vorgesetzte heute Abend auch nicht erreichbar war.   

Also was tun?

Sie traf eine Entscheidung und war sich fast sicher, dass sie von ihrer Vorgesetzten mitgetragen wurde. Sie buchte dem Mann eine günstige Unterkunft und stelle per Mail eine Kostenübernahme für das Hotel aus. Falls es Probleme geben würde, könnte sie ja immer noch das Hotel privat bezahlen. Sie gab dem Mann noch 10 € für ein kleines Abendessen und zeigte ihm den Weg zum Hotel.

Am nächsten Tag telefonierte sie mit ihrer Vorgesetzten und erklärte die Situation. Alles war OK. Die Vorgesetzte trug ihre Entscheidung mit und übernahm die Kosten für die Übernachtung aus einer Spende.

Über Umwege erfuhr sie, dass der junge Mann am nächsten Tag bei der für ihn zuständigen Beratungsstelle war und ihm dort auch geholfen werden konnte.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ ist also nicht nur ein Bibelzitat aus dem Matthäusevangelium Kapitel 25, Vers 40.

Es ist auch eine Haltung und Einstellung.

Seien Sie behütet.

 

Martina Fisser

Geschäftsführung/Leitung

Zurück